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6 Monate im Zeitraffer

Von Nicaragua nach Costa Rica und zurück – und dann ab nach Mexiko. Oder vom gewichtsmässigen Höhepunkt zur guten Besserung. Oder auch: Vom Kaffee zum Capucchino. Ja, es ist einiges passiert in den letzten 6 Monaten.

Die Bewässerung von Kaffee hat sich auch mit den definitiven Resultaten von 2009/2010 nicht als die grosse Revolution bestätigen können. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es unter gewissen Umständen (dann wenn es eben am Wasser mangelt) und bei den notwendigen Begleitmassnahmen einen nenneswerten Effekt geben kann. Allerdings fehlte es an Zeit und Wille der lokalen Partner, um weiter zu forschen und die Pioniere unter den Bauern entsprechend zu unterstützen.

Da ich nicht die Resultate geliefert hatte, die sie sehen wollten, wurde ich bis zum Ende meines Zivildienstes im März von Exportadora Atlantic gerade noch so knapp erduldet. Mein Fokus schwenkte denn auch zunehmend zur technischen Unterstützung von IDE beim Aufbau der lokalen Bewässerungsfirma. Zusammen mit einer Universität plante ich einen Bewässerungsversuch mit Gemüse. Das Interess ist gross, doch der Knackpunkt bleibt: Gemüse ist interssant, aber Bewässerung ist nur ein Teilaspekt neben Anbau und Vermarktung.

Am 28. Februar bestieg ich dann den Bus Richtung Costa Rica. Nach studenlangem Warten in der prallen Sonne an der Grenze traff ich gegen Abend in einem Bed & Breakfast Barbara. Wir hatten uns 5 Monate nicht mehr gesehen, und mussten uns daher erst wieder etwas kennen lernen. Und wir kamen ja auch aus zwei ganz verschiedenen Welten. Im kleinen Surfer-Dörfchen Dominical genossen wir das äusserst friedliche Strandleben. Richtig tropisch feucht und heiss war es da. Und bei meinem zweistündigen Surfversuch realisierte ich, wie schlecht es um meine körperliche Fitness stand. Ich habe mich beim hochstemmen meines unterdessen doch beachtlichen Gewichts so stark verausgabt, dass ich die nächsten zwei Tage gleich mit Grippesymptomen flach lag.

Von Meereshöhe reisten wir zurück über einen 3000m Pass in die Hauptstadt (nur eine lärmige Hotelnacht bleibt in Erinnerung), und dann gleich weiter in den Norden. Costa Rica ist touristisch bestens erschlossen und hat 30% der Landesfläche zum Schutzgebiet erklärt. Als wir in Monteverde (dem verschlafenen Bergdörfchen) ankamen, wurden wir dann fast von Angeboten für Abenteuer- und andere Naturerlebnisse erschlagen. Wir haben uns für Horsback-Riding entschieden, und landeten so bei einer äusserst herzlichen Bauernfamilie (und waren zum Glück nur zu zweit). Offenbar hatten sie etwas zu wenig laut und schrill Werbung gemacht…

Auch die zwei Wanderungen in den Nebelwäldern waren genial. Wir sahen seltene Vögel, bestaunten die kräftig grüne Natur und die gigantischen Bäume, und wir genossen freie Sicht auf den sonst oft in Wolken verhüllten Vulkan. Per “Jeep-Boat-Jeep-Tour” gings dann noch nach Fortuna am Fusse des Vulkans. Und schon waren zwei erholsame Wochen vorbei. Wir nahmen Abschied von Costa Rica, aber zum Glück noch nicht voneinander.

In Nicaragua dann noch zwei Wochen mit Aufräumen, ein letztes Mal mit dem Töff Auf’s-Land-Fahren und erneut Abschied nehmen. Auf Wiedersehen Rumpelbuse und Holperstrassen. Auf Wiedersehen Kaffebäume und Freiluftmetzgereien. Und zum Glück immer noch nicht auf Wiedersehen Baba :-) .

Mit meiner Band schafften wir es sogar noch, ein Abschiedskonzert zu geben. Allerdings kostete mich das die letzten Nerven und noch etwas mehr. Ich habe nach einem Jahr gemeint, Nicaragua und seine Tücken etwas zu kennen. Doch was bis 5 Minuten vor Konzertbeginn alles passierte, würde locker einen eigenen Blog-Beitrag füllen. Der Abschied von den Bauern und meiner Nica-Familie war herzlich, und ich konnte zum Glück sagen, dass ich im September nochmals kurz vorbeischauen werde.

Und dann der Kulturschock: Wir landeten nachts in Mexiko City, wurden von einem älteren und äusserst freundlichen Herrn in Schale empfangen und durch die Grossstadt zu unserem Hotel gefahren. Doch es war nicht ein normales Hotel. Wir landeten in einer Privatsuite in einem der edelsten Quartiere der 25-Millionen-Stadt. Gute Nacht und bis morgen um 10. Doch um Himmels Willen wo nehme ich in so kurzer Zeit Kravatte, Anzug und Lackschuhe her?! Ich konnte ja nicht gut in der braun-blauen Zivildiensthose im Nestlé-Hauptsitz von Mexiko auftauchen.

Mit meinem besten Hemd, den am wenigsten abgeschabten Jeans und ja, in (abgelaufenen) Turnschuhen, wartete ich also am nächsten Morgen vor der Suite auf den Dr. Puente. Das heisst ich muss korrigieren. Denn noch war ich im nicaraguanischen Zeitbegriff drin und musste merken, dass hier das Rechnen in Minuten bereits bekannt ist. 9.59 war er schon da, und ich kam dann kurz nach 10… Dann zum Spiegelhochhaus fahren, Sicherheitkontrolle, Computer registrieren, Lift fahren, gratis Nescafé trinken am Automaten und Nestlé Wasser, und überall freundliche Menschen in Kravatte und Schale begrüssen. Und nun mussten wir eine Präsentation für den nächsten Tag vorbereiten.

Gut, habe ich keine grösseren Probleme mit der Nervosität bei Vorträgen. Und gut, kann ich doch noch nicht perfekt Spanisch: So blieb während dem Vortrag keine Zeit, um an meine Verkleidung zu denken… Es kamen die Chefs der Landwirtschaftsabeteilungen der mexikanischen Milchfabriken und der höchste Bauer von Nestlé aus der Schweiz (Hans Joehr, der ca. einmal in 5 Jahren kommt). Das erfreuliche war, dass sehr viel Interesse für das RISE-Projekt spürbar war. Es war auch diesbezüglich ein Kulturschock: Die wollen wirklich etwas verändern und sind sogar bereit, etwas dazu beizutragen!

Die Einstiegshürde war also geschafft. Nach 4 Tagen reisten wir nach Lagos de Moreno im Staat Jalisco, ca. 450km nördlich der Hauptstadt auf 1950m liegend. In dieser gemütlichen Kleinstadt lebe und arbeite ich seither. Ich konnte noch etwas mehr als einen Monat zusammen mit Barbara hier geniessen. Auf Wochenendausflügen lernten wir einige Kolonialstädte in der Umgebung kennen und reisten auch zweimal in die faszinierende Hauptstadt. Ja, es brauchte fast 2 Monate bis wir uns wieder so richtig gut kannten. Zum Glück konnte sich Baba einen so langen Urlaub leisten.

Wer sich etwas genauer für meine Arbeit hier interessiert der findet vorerst allgemeine Infos in der rechten Spalte unter RISE und Nachhaltige Milch für Mexiko. Werde bestimmt mal noch etwas ausführlicher darüber berichten. Nur so viel: Das Arbeitsklima ist ausgezeichnet, die Unterstützung und das Interesse der lokalen Mitarbeiter ist gross und der Auftrag ist spannend. Ich wohne in einer gemütlichen Wohnung, füttere eine zugelaufene Katze und geniesse seit dem 15. Mai das Einsiedlerleben (nicht das Single-Leben). Unter diesen stabilen Lebensumständen, dank täglichem Sport und mit deutlich weniger Bohnen im Teller nähere ich mich nun langsam wieder dem Normalgewicht. Erste vorher-nachher Vergleichsbilder folgen später (es fehlt no es bitzeli…).

Die Zeit vergeht – Feliz año nuevo!

Plötzlich haben sie im Park Krippenfiguren aufgestellt, die Schaufenster wurden mit Weihnachtsmännern dekoriert und die Menschen begannen geschäftig nach Geschenken zu suchen. Hopla, zwei Monate sind vergangen und ich habe mich nicht mehr auf meinem Blog gemeldet. Und nun also bereits: Willkommen und alles Gute im 2010! Gerne werde ich aber wiedermal von meiner Arbeit und dem (weihnächtlichen) Alltag erzählen.

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Im November waren da die Vorbereitungen auf das Simposium zur Tröpfchenbewässerung und die Evaluationswoche für des Projekt. Leider haben auch erneute Ertragsschätzungen die Geschichte nicht grundlegend verändert: Nach wie vor kein Effekt der Bewässerung. Doch muss ich ehrlich gesagt erwähnen, dass es für mich ein agronomisches Wunder gebraucht hätte. Und Wunder geschehen ja bekanntlich nicht auf Bestellung. Wir mussten der versammelten Gesellschaft aus der halben Welt also erklären, dass wir mit den vorhandenen Resultaten nicht definitiv sagen könnnen, ob die Bewässerung des Kaffees hier in Nicaragua einen positiven Effekt haben kann.

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Warum ein agronomisches Wunder? Bis jetzt gibt es noch keinen Kaffeebauern der Bewässerung über mehrere Jahre ausprobiert und dabei immer alles “richtig” gemacht hat. Wir sind noch in den Anfängen und haben erst jetzt eine Idee, was denn das “richtige” Management der bewässerten Kaffeebäume wäre. Daneben macht auch das Klima seine Kapriolen. Und wenn wie in diesem Jahr bei ausreichend Niederschlägen nur einige Tage bewässert wurde, wäre eine grossartige Ertragssteigerung aus meiner persönlichen Sicht ein eher erstaunliches Resultat. Doch wer seinen Donatoren innert kürzester Zeit Wunder verspricht, kann sich ganz schön unter Druck setzen und plötzlich bleibt dann eben nur noch das Hoffen auf ein Wunder…

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Ich glaube viele Beteiligte haben sich das Ganze etwas zu einfach vorgestellt: Es gibt eine Trockenzeit, also müssen wir nur Wasser hinleeren, und schon sind alle Probleme gelöst. Zudem wurden sie bei ersten Versuchen 2006 von ausserordentlichen Resultaten basierend auf einer vermutlich etwas idealistischen Messmethode geblendet (System: Ich messe dort, wo es mir gefällt, weil ich mir ja ein gutes Resultat wünsche). Tatsachen sind: Der Kaffeebaum kann zwei Monate ohne Wasser schadlos überstehen, eine gewisse Trockenperiode ist vorteilhaft für die Stimulation der Blüte und der Grund für die tiefe durchschnittliche Produktion in Nicaragua sind nicht Wassermangel und Klimawandel, sondern fehlende Investition in Dünger, Pflanzenschutz und Pflege. Dies hat einen logischen Zusammenhang mit den Kaffeepreisen und der ökonomischen Situation der Kaffeebauern.

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Nun die “Members of the board” haben zusammen mit dem Vertreter von Nestlé und den ebenfalls angereisten Experten und anderen Chefen richtig entschieden: Es wäre unvernünftig zum jetztigen Zeitpunkt das Projekt abzubrechen. Das würde gleichgesetzt mit der Aussage: Bewässerung im Kaffee in Zentralamerika bringt nichts. Doch bei allen erwähnten Unsicherheitsfaktoren und den wenigen Resultaten die in den letzten Jahren gesammelt werden konnten, kann eben auch diese Aussage nicht mit Sicherheit getätigt werden. Es bleibt noch ein Funke Hoffnung, und immerhin waren die Erkenntnisse der letzten Jahre lehrreich: Wir haben jetzt eine Idee, wie es gehen könnte! So darf also weiter geforscht werden.

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Zudem war das Symposium an der Universität in Estelí äusserst gut besucht und setzte einen erfreulichen Kontrapunkt zu der Evaluationswoche. Die Bauern haben einen Schwall von Vorträgen über sich ergehen lassen, um dann am Ende des Tages endlich die installierten Bewässerungssysteme im Feld betrachten und die Wasserpumpe mit Pedalantrieb ausprobieren zu können. In Zukunft werden die günstigen Technologien auch an Gemüseproduzenten verkauft. Vom kleinsten System für Hausgärten (20m2) bis zur manzana (=0.7ha). Dies ermöglicht es auch den Ärmsten mit einer Investition von 6 Tageslöhnen ins Bewässerungs-”Business” einzusteigen. Sei es auch nur, um den eigenen Menuplan mit Tomaten zu bereichern, oder die Frau vom Wasserschleppen zu entlasten.


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Gemüse und Früchte sind vielversprechend, doch die Gegensätze könnten nicht extremer sein. Während beim einen Bauern Orangen und Zitronen am Boden verfaulen, können sich Menschen 60km weiter in der Stadt diese Früchte nicht leisten. Der Aufwand für die Ernte und vor allem für den Transport lohnt sich für den Bauern nicht. Eine Stadt weiter scheint Gemüse im Überfluss zu gedeihen. Wenn ein Bus hält, steigen sofort etwa 10 Gemüseverkäufer ein. Andere bestürmen die Passagiere durch die offenen Fenster, um auch nur ein Pfund Tomaten los zu werden. Im August kann der Tomatenpreis auch mal von 10 auf 1 Cordoba (=5Rappen) fallen, wo der Verkauf dann im besten Fall noch Schadensbegrenzung ist. Nicht weit davon entfernt konnten dieses Jahr auf Grund der Trockenheit nur einmal Bohnen geerntet werden. Das reicht vielleicht gerade um die Familie zu ernähren, an den Kauf von Tomaten ist ohne die Einnahmen aus der zweiten Ernte nicht zu denken. Das wenig Wasser wird über weite Strecken hergeschleppt und reicht knapp zum Trinken und für’s Wichtigste. Da bleibt nur die Hoffnung, dass niemand krank wird im nächsten Jahr.

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Ja, und nun sollte ich langsam den Dreh zur Weihnachtszeit finden. Wenn dann also die Gebete zur Jungfrau über’s Jahr erhört wurden, wird das am 7. Dezember öffentlich gefeiert in der Purissima. Viele Familien haben ihre Installation mit einer Figur der Jungfrau, Blumen, Kerzen und anderen Blinklichtern in ihrem Hauseingang. Eine Menschenmeute geht durch die Strassen und steht Schlange vor den Häusern. Warum? Wer der Jungfrau ein Lied singt, erhält ein Päckli. So füllen sich Rucksäcke, Taschen und Körbe im Verlaufe der Nacht. Wie bei jedem Fest dürfen natürlich Raketen und Knaller nicht fehlen.

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Bis zur Weihnacht finden dann weitere Purissimas im privaten Rahmen und nur noch für geladene Gäste statt. Es wird gesungen und gegessen, und am Schluss kriegt jeder sein Päckli. Eine schöne Kultur, besonders wenn einer bedenkt, dass diese Familie (welche auch mich eingeladen hat) das Geld auch in ein besseres Scheisshäuschen hätte investieren können (siehe oben). Sie leben übrigens in einer Stadt, doch Kanalisation ist eben noch längst nicht überall Standard.

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Und plötzlich war wirklich Weihnachten. Habe gar nicht gewusst, dass man auch dies spontan feiern kann. Davon, dass wir ein Konzert geben werden, haben wir zwar schon lange im Voraus gesprochen. Doch so richtig klar war es dann erst, als wir wirklich gesungen, gegessen und angestossen haben. Natürlich fehlten auch an diesem Fest der Besinnlichkeit die Knaller in den Strassen und die grosse Flasche Rum nicht; mit Limetten, Eis und Soda, versteht sich! Und die absolute Premiere für mich: Am 25. traffen wir uns dann im Freibad zur gemütlichen Abkühlung.

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Ich hoffe natürlich, dass ihr alle auch gut ins neue Jahr gerutscht oder gesprungen seid und wünsche viel Kraft und Freude für 2010.

Mit lieben Grüssen aus weiter Ferne!

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Wetter heiss, Bier kühl – wie immer

“Es ist, wie ich fürchte, keine Frage, dass der Durchschnitts-Nicaraguaner einer der verlogensten, unzuverlässigsten, gewalttätigsten und trunksüchtigsten Lateinamerikaner ist.”

Dieses Zitat stammt nicht etwa von mir! Lustigerweise habe ich es aber zum Auftakt meines zweiten Aufenthaltes hier in Nicaragua in der Zeitung gefunden. Es gab da so eine tradition der britischen Diplomaten: Wenn einer seinen Posten verliess, durfte er sich in einem ultimativen Telegramm nach London für einmal völlig undiplomatisch äussern. Nun hat BBC einige Perlen für eine Sendung ausgegraben und der Tages-Anzeiger berichtete darüber. Und auch wenn das Zitat aus 1967 stammt, hat es doch wohl immer noch etwas für sich. (Ausser die restlichen Latinos hätten seither aufgeholt, was ich mangels Vergleichsmöglichkeit momentan nicht beurteilen kann.)

Hinflug

Doch erst mal der Reihe nach. Vor genau zwei Wochen bin ich nach langer Reise also wieder im Flughafen von Managua ausgestiegen. Ich wurde pünktlich und herzlich empfangen und schlief bereits die erste Nacht in vertrauter Umgebung. Das Zimmer wurde extra noch gestrichen und dunkelgrüne Vorhänge sollten es nun auch möglich machen tagsüber zu schlafen. Am Montag dann ein Besuch bei der Familie Andino. Der kleine Ethan hat mich nicht vergessen und es war wie nach Hause zu kommen. Die Sonne scheint und ich gewöhne mich wieder daran, auch bei grösster Hitze in langer Hose zur Arbeit zu gehen.

Natürlich wollten alle wissen wie es denn war in der Schweiz, ob es meiner Familie gut geht, und ob der Käse, die Avocados und die Konfitüre allen geschmeckt haben. Und ich musste sagen, dass ich kaum was mitgekriegt habe von der Schweiz, dass ich vor allem im Kämmerchen hinter dem Computer gesessen bin um eine Arbeit nach der anderen abzuliefern, dass ich nun mein Diplom habe und eigentlich dringend Ferien nötig.

Aber eben, das Leben hier hat ja zum Glück einen anderen Rhythmus als in der Schweiz. So sass ich dann also am Montag Abend zusammen mit ein paar Kollegen auf der Treppe vor dem Haus an der Strasse. Es wurde geplaudert und den Frauen nachgepfiffen, bis plötzlich einer sagte: “So hast du es dir vermutlich vorgestellt: Mit den arbeitslosen Kollegen rumhängen und sinnloses Zeugs labern.” Und ich konnte ihm nur zustimmen. Das ist genau das, wofür ich mir in der Schweiz viel zu wenig Zeit nehme. Und auch darum habe ich mich auf Nicaragua gefreut.

Michael_Sonne

Ich bin also zurück im Land, wo alles etwas weniger genau und wichtig genommen wird. Wo es an Ordnung fehlt und Organisation ein Fremdwort ist. Hier wo Mann lieber heute ein paar Bier über den Durst trinkt als sie für morgen kühl zu stellen. Denn wer weiss schon, was morgen kommt? Solo dios sabe! Und wenn die Regierungspartei gesprayte Slogans wie auf folgendem Foto auf ihren Gebäuden toleriert, ist nicht ganz klar, ob nun mit “Vamos por más Victorias” gemeint ist: “Auf zu weiteren Siegen”, oder ob sie meinen: “Trinken wir noch ein paar Bier” (der Marke Victoria)…

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Und ach ja, die Arbeit! Ich freue mich sehr hier weiter anzupacken. Beim Monitoring im Kaffee muss ich noch etwas gegen die Enttäuschung ankämpfen die sich mit meinen Resultaten hier verbreitet hat. Sie haben doch schon lange gesehen, dass die Bewässerung einen phänomenalen Effekt hat, und nun kommt wieder einer der behauptet, es gäbe keinen Effekt zu messen! Doch daneben geht’s vorwärts mit dem Projekt. Eben wurde Geld für 4 Jahre von der DEZA gesprochen. Endlich gibt es Bewegungsfreiheit um die genial einfache Technologie den Menschen hier in Zentralamerika bekannt zu machen. Doch darüber mehr in einem nächsten Beitrag.

Signifikativ kein Effekt

Nun sind also 5 Monate vorbei. Irgendwie ist alles unglaublich schnell vorbeigezogen. Und doch freue ich mich sehr auf die Reise zurueck in die Schweiz.

Am Montag Nachmittag war meine Schlusspraesentation mit ersten Resultaten. Leider konnte ich nicht messen, was sie sehen wollten. Dort wo dieses Jahr bewaessert wurde, werden wir vermutlich nicht mehr ernten als sonst. Dies hat aber in keiner Weise damit zu tun, dass die Bewaesserung im Kaffee nicht funktionieren koennte. Vielmehr zeigt sich, dass der Kessel mit Wasser alleine noch nicht geflickt ist. Fuer mich ist das Ganze nach wie vor aeusserst spannend, und ich freue mich, dass ich im naechsten Monat noch tiefer in die vielen Daten tauchen kann, um die Erklaerungen zu suchen und Empfehlungen zu formulieren.

Nun bleiben mir noch ein paar Tage um den Schreibtisch aufzuraeumen und auf Wiedersehen zu sagen. Den Toeff werde ich morgen zum Service bringen. Ich bin dankbar, dass mir auf 6000km nichts passiert ist. Und vielleicht werde ich ihn sogar ein bisschen vermissen in der Schweiz. Mal schauen wie sich TWIKE fahren so anfuehlt…

Schoen ist, dass ich mit groesster Wahrscheinlichkeit im Oktober fuer weitere 5 Monate nach Nicaragua zurueckkehren kann, um meine restlichen Zivildiensttage abzusitzen. Das macht das Abschiednehmen etwas einfacher. Und motiviert natuerlich doppelt fuer den nachsten Monat, wo das Schreiben meiner Diplomarbeit auf dem Programm steht. Bis zum 7. August ist also voraussichtlich noch nicht zu viel von mir zu erwarten :-)

Am Montag, 6. Juli werde ich um 8 Uhr in Zuerich landen. Meine innere Uhr wird dann nach 16 Stunden Reise Mitternacht haben. Gut bleibt mir eine Uebrgangs- und Erholungswoche fuer den Wechsel von der Praxis zurueck in die Schulstube.

Im letzten Montat sind wieder viele Bilder entstanden. Eine kleine Auswahl von Kaffeebaum ueber Catacion bis Konzert ist unter folgendem Link zu finden (einfach auf das Bild klicken):

(Sehenswert uebrigens auch meine Filmgalerie auf youtube.)

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Waschtag

In den letzten beiden Wochen waren wir fast taeglich unterwegs und haben die vielen Baeume zum zweiten Mal ausgezaehlt. Nun sollte eigentlich ein Unterschied zwischen den bewaesserten und nicht bewaesserten Pflanzen festzustellen sein. Einen Unterschied konnten wir am eigenen Leib erfahren: Wir kamen jeweils etwas weniger verschwitzt, dafuer umso oefter heftig verregnet nach Hause.

Und dieser Regen kann dann so richtig nerven, wenn man voll Elan und vor dem Eindunkeln die Zaehlung abschliessen moechte, und jede halbe Stunde eine heftige Schauer von 15 Minuten vorueber zieht. Dann heisst es jeweils zurueckrennen zur Finca und warten bis es vorueber ist. Und anschliessend in den nassen Baeumen weiter zaehlen.

Den Bauern freut dies natuerlich. Nicht weil sein Bad nun auch eine Dusche hat (siehe Foto!). Sondern weil natuerlich neben dem Kaffee nun auch die Bohnen und der Mais schon kraeftig am wachsen sind. Feldvorbereitung und Aussaat 100% Handarbeit. Der taegliche Reis wird in tieferen Lagen Nicaraguas angebaut und muss zugekauft werden.

Unterdessen konnten wir die Datenaufnahme abschliessen und der verbleibende Monat bleibt mir also um mit der Analyse zu beginnen. Ich bin gespannt auf die Resultate (und auch darauf, was aus dem Statistikunterricht haengen geblieben ist).
Froh bin ich natuerlich, dass dank dem fruehen Beginn der Regenzeit nun schon alle Daten auf dem Tisch liegen. Im Bezug auf den Effekt der Bewaesserung auf den Kaffee waere natuerlich ein ausgedehnter Sommer besser gewesen.

Und schoen ist auch, dass ich nicht mehr in einem Trocknungsraum schlafen muss. Mangels schlauer Alternativen hatte ich die Waescheleine quer durch’s Zimmer gespannt, um am naechsten Morgen wieder einigermassen trocken auf den Toeff steigen zu koennen.

Unterdessen habe ich auch ein paar kurze Videosequenzen aus meinem Leben in Nicaragua online. Hier der Link:

Nicaragua Filmli

Wie Weihnachten

Es war eine wahre Freude 1 Woche nach der Installation der Bewaesserung auf den Betrieb “El Recreo” zurueckzukehren. Die ganze Parzelle in voller Bluete. Das sieht dann fast so aus wie Weihnachten in der Schweiz.

Das Wasser hat also einen ersten Effekt gezeigt, und eine fruehzeitige Bluete stimuliert. (Ob sich dieser Effekt dann auch positiv im Portemonnaie des Produzenten niederschlaegt, steht allerdings nach wie vor im Raum.) Mich hat in dem Moment erst mal gefreut, dass mir eine schlaue Installation gegleuckt war, und die Besitzer durch den schnell sichtbar gewordenen Effekt zufrieden waren mit dem was sie gekauft hatten.

Innerhalb von einer Woche geht es dann vom Stadium “diente de perro” (Hundezahn) ueber die Bluete zur hoffentlich bestaeubten Bohne. Bis diese zu wachsen und zu reifen beginnt, vergeht dann eine Weile. Die ersten werden erst im November geerntet werden. Das Wasser hat kann also noch eine wichtige Rolle spielen, wenn es verhindert, dass auf Grund von Stress Bohnen vor der Reife verloren gehen.

Wahrscheinlicher als der Abwurf von Bohnen ist aber, dass der Baum seine Naehrstoffe und das Wasser auf die Bohnen konzentriert und damit das vegetative Wachstum vernachlaessigt. Dies ist entscheidend fuer den Ertrag vom naechsten Jahr, denn nur mit den neuen Trieben gibt es ueberhaupt Moeglichkeiten fuer Ertrag. Und schon sind wir mitten in den Schwierigkeiten einer wissenschaftlichen Evaluation. Wir haben es nicht mit Gemuese zu tun, das entweder waechst oder nicht (ohne Wasser) und wo der Effekt in weniger als einem Jahr abschliessend ausgewertet werden kann. (Und mit einer aussersaisonalen Produktion erzielen wir beim Kaffee leider keinen besseren Preis.)

Wenn wir im Februar bis Mai 2009 bewaessern, werden wir moeglicherweise Ende Jahr den ersten Effekt messen koennen, eventuell auch erst bei der Ernte 2010/2011. Und dies eben auch nur, wenn nicht ein anderer Effekt einen staerkeren Einfluss auf die Produktion hatte in der Zwischenzeit. Und dann ist eben da noch das Wetter! Nachdem Barbara am 23. April abgereist war begann es zu regnen. Die letzten Bauern hatten gerade die Bewaesserung fertig installiert um sich fuer die naechsten 4 Wochen von Trockenheitsstress zu wappnen.

Zwar regnete es nicht heftig, aber eben verbunden mit taeglicher Bewoelkung und leichten Brisen. Es erinnert mich an Fruehling in der Schweiz. Bereits 1mm Niederschlag ist vermutlich ausreichend, um den Trockenheitsstress zu verhindern! So kann es eben auch gehen. Lange haben alle versprochen, dass es nur vom Mondwechsel kommt und sicher noch eine Trockenphase folgt. Doch in den letzten 3 Wochen hat es so viel Wasser gegeben, dass niemand mehr wirklich an die Rueckkehr des Sommers glaubt.

Und so wurde meine wunderbare Planung wiedermal ueber den Haufen geworfen. Anstatt einen gemuetlichen Mai im Buero zu verbringen fahren Dorwin und ich nun zum zweiten Mal auf’s Land um Blaetter zu zaehlen und Baumhoehen zu messen. Der Unterschied zur ersten Zaehlung? Wir werden durch gelegentliche Regenguesse zu einer Pause gezwungen… Und die Loecher in den Strassen werden gross und groesser.

In diesem Sinne schicke ich einen Gruss vom Hinterrad und schaue vorwaerts auf den Endspurt.

Semana Santa Barbara

Halbzeit! Ich kann es kaum glauben. Plötzlich war der 4. April da und wir fuhren mit der Camionetta auf den Flughafen von Managua um Barbara abzuholen. Gleichzeitig stand auch die lange angekündigte Semana Santa (Osterwoche) vor der Tür. Das heisst so viel wie Ferien und für eine Woche keine Kaffeebäume zählen.

Das Projekt hat gerade so richtig zu laufen begonnen. Es ist trocken und warm (täglich 30 Grad oder mehr). Auf dieses Klima hat sich Barbara schon lange gefreut. Doch beim öffnen der Flugzeugtür hat sie dann doch fast der Schlag getroffen… Also haben wir die Koffer gleich wieder gepackt und sind ans Meer gefahren.

Baba und Miki auf dem Schiff

Während sich alle Nicaraguaner im Auto an die nahe gelegene Pazifikküste aufgemacht haben, fuhren wir mit Bus (8h), Panga (2h), Barca (5h) und diversen Zwischenstopps (9h) an die weit entfernte Atlantikküste. 24 Stunden später erreichten wir mit Seegang die karibisch angehauchte Insel “Corn Island”. Immer noch in Nicaragua sprechen die Menschen hier Englisch und Kreolisch, viele haben dunkle Haut und ihre Art mit Händen und Füssen lauthals zu verhandeln erinnert mehr an Afrika als an Zentralamerika.

Die Reise war abenteuerlich unterhaltsam, und lange. Geschlafen haben wir kaum. Diese alten Busse sind ja auch für den Schulweg amerikanischer Kinder gebaut worden… Für alle Fälle hatten wir eine Feldflasche mit einem Zuckerrohrgetränk dabei. Und bei jedem Aufenthalt musste sie natürlich nachgefüllt werden.

Unterwegs waren wir mit Aldo, Elio (vermutlich habt ihr sie schon auf anderen Bildern mit einer Flasche Rum in der Hand gesehen), und Darwin und Carla. Für Aldo das erste Mal, dass er in die Ferien fährt. Elio war schon mal in Costa Rica an einem Iron Maiden Konzert. Natürlich mussten wir sie für die teure Reise (60 Fr. retour plus Hotel 15 Fr. pro Nacht) einladen, denn so etwas könnten sie sich nicht leisten. Das schöne und eigenartige zugleich ist ja, dass dies sogar mit einem Schweizer Studentenbudget möglich ist.

Die Fahrt mit 60km/h auf dem Rio Escondido bei Sonnenaufgang war genial, auch wenn eine hübsche Passagierin neben mir gelegentlich etwas Angst hatte. Glücklicherweise hatten wir ja das Allerweltsheilmittel stets zur Hand.
Einmal angekommen in Bluefields fehlten nur noch 70km übers offene Meer bis auf die Insel. Beim Anblick dieser Schiffe waren wir dann froh, dass sie bei unserem Kahn den Rost wenigstens dick übermalt hatten.

Und dann endlich, wir konnten es kaum mehr erwarten: Land in Sicht! Weisser Sand, Palmen und glasklares Meerwasser, wunderschöne Riffs und Reagge in allen Gassen.
Das Inselleben ist äusserst gemütlich. Die Menschen leben vom Langustenfischen. Doch zur Schonung der Bestände gibt es eine jährliche Sperrzeit von 3 Monaten. Und da gibt es nicht viel zu tun. Vielleicht noch Taxifahren während der Semana Santa. Und sonst in der Hängematte hängen.

Die Küstenstrasse rund um die Insel misst gerade mal etwa 10km, und soviel Sandstrand hat es auch. Die meisten Touristen fahren weiter zur Little Corn Island (weil es da noch gemütlicher und naturbelassener sei). Uns hat es hier gefallen, denn bei 5000 Einwohner ist doch ein bisschen etwas los, und es hat sogar eine Disco direkt am Meer. Und schön ist, dass sich die Nicaraguaner alle am Hauptstrand versammelt haben und so der Rest für uns übrig blieb.

Die weite Reise hat sich gelohnt, schon für den täglichen Ausblick beim Frühstück auf’s Meer, und den frischen Fisch, den Tauchgang ans Riff und das Rondón oder die frische Kokosmilch. Es gäbe noch so viel zu erzählen… Eine kleine Auswahl an Bildern in guter Auflösung ist zu finden unter folgendem Link (einfach auf das nächste Foto klicken):

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Hahnenkampf oder Jazzkonzert?

Die gute Nachricht: Ich bin wieder gesund! Doch erst mal der Reihe nach. Letzten Freitag sind wir durstig von der Arbeit direkt ins Picoteo. Dort haben wir dann das eine oder andere Bier getrunken. Dummerweise kommen hier immer Literflaschen. Und mit dem in der Schweiz auf 3dl Flaschen geeichten Mass kann das heiter werden.

Auf jeden Fall bin ich dann am Samstag mit Kopfschmerzen erwacht. Aha: La Goma! Cool bleiben, zur Arbeit (wie alle anderen übrigens auch) und sich durch eine 4-stündige Sitzung quälen. Dann endlich Mittag. Die einen sind dann ein Bier trinken gegangen (ob sie wohl schon wieder Durst hatten?). Mir war es eher nach einem Bett. Und so verkroch ich mich in mein Zimmer.

Gegen Abend hatte ich dann hunger und fühlte mich immer noch nicht besser. Ob ich wohl doch besser ein Bier trinken gegangen wäre? Ich machte mich also auf zum Artesanos, einem gemütlichen Lokal wo wir uns des öftern treffen. Und siehe da: Versammelt um einen Kübel mit Eis sassen sie da und tranken Rum.


(Mario, Aldo, Elio)

Ich entschied mich dann weiterhin beim Wasser zu bleiben. Denn langsam stieg die Temperatur in meinem Kopf und der Hangover ging fliessend in eine Grippe oder so was über. Am Sonntag ging ich vorsichtshalber zum Doktor. Zum Glück kein Malaria und nur Denque (oder eben Grippe). Dagegen gibt es nur abwarten und Tee trinken. Allerdings lernte ich dabei mir völlig neue Schmerzen kennen und bin nun froh, ist das Ganze vorüber.

Nächste Woche geht’s wieder auf’s Land. Endlich ist’s trocken und die Bauern bezahlen die Bewässerungssysteme. Die Installation kann los gehen. War also gerade gut, dass ich diese Woche noch etwas im Büro arbeiten konnte.

Doch nun zum Wichtigsten: Es ist schon wieder Wochenende! Was steht wohl auf dem Programm? Viel Abwechslung gibt’s nicht. Das Budget reduziert den Aktionsradius der Einheimischen. Spontan entscheiden sie sich dann meistens zwischen Rum und Bier.

Dass es auch noch leichte Variationen zum Standartprogramm gibt, zeigt die folgende (durchaus unvollständige) Diashow mit 4 Ausgangstipps für Matagalpa.

Bilder von Hahnenkampf bis Hühnertanz im Grossformat (einfach auf das Bild klicken):

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Sitzung in Gummistiefeln

Oder nun wieder einmal etwas von der Arbeit. Neben den Vorbereitungen für das Monitoring in diesem Jahr bin ich auch noch dran, das Monitoring vom letzten Jahr abzuschliessen. Begonnen hat diese Arbeit eine Studentin der SHL, die wie ich ihr letztes Semester hier in Nicaragua bei Exportadora Atlantic verbracht hatte.

Die Bewässerung von Kaffe ist etwas Neues, die Pflanze wächst ja nur in höheren Lagen, wo es normalerweise genug regnet. Und sie benötigt eine Trockenperiode, wo sie sich erholen und auf die nächste Saison vorbereiten kann. Nun kommt aber der Klimawandel, und plötzlich regnet es wann es will. Das habe ich soeben am eigenen Leib erfahren. Und das bringt auch die Kaffebäume durcheinander.

Am Montag habe ich also das Motorrad gesattelt und bin losgefahren. In der Finca Jerusalem bei Don Mauro mussten wir 680 Bäume ernten, eingeteilt in Monitoringfenster von 40 Bäumen, die jeweils separat gewogen werden. Zudem werden 60 Bäume einzeln beobachtet und entsprechend die Ernte separat gewogen. Das Ziel dieser aufwändigen Beobachtungen war herauszufinden, welche Menge Wasser den Bäumen nun am besten nützt. 4 verschiedene Wassermengen wurden jeweils an 40 Bäumen ausprobiert, und das ganze dann viermal wiederholt. Vermutlich kommt nun definitv niemand mehr draus. Drum also zurück auf’s Moto.


(Regenwetter am Lago Apanas)

Noch einigermassen optimistisch eingestellt montierte ich also die Regenhose und fuhr in ca. 1 Stunde über den Pass zwischen Matagalpa und Jinotega, der nächsten Stadt. Hier wartete bereits Dorwin, ein Berater von Exportadora Atlantic, der mir in den 5 Monaten mehr oder weniger zur Verfügung steht. Schliesslich ist es nicht ganz einfach die Fincas zu finden. Und ausserdem ist es sowohl zum Wägen wie auch zum Blätter zählen angenehm, wenn man zu zweit ist.

Meine Schuhe waren schon ziemlich durchnässt und ich deutete etwas an im Stil von: Ich muss mir wohl Stiefel zulegen. Er hat das nicht ganz richtig verstanden und ist losgedüst. Da blieb mir nicht viel anderes übrig als ihm zu folgen. Die Strasse wurde schlecht und schlechter. Die Löcher gross und grösser. Und die Socken nass und nässer.

Teilweise war es nicht ganz einfach, zwischen den kleinen Seen noch ein Stück Strasse zu finden. Und irgendwann war es mir dann auch egal. Wir kamen also nach einer weiteren Stunde Motocross auf der Finca an.

Hier haben sie auf Grund des Regens beschlossen, dass nicht geerntet werden kann. Ein vernünftiger Entscheid. Der Kaffee befindet sich in einer steilen Parzelle. Und mit der Wage und den Zetteln 4 Stunden rumzuschmieren wäre auch für uns nicht lustig gewesen. Leider ist der Bauer schwierig zu erreichen. Er hat nur Handy-Empfang wenn er in der Haustüre steht und das Handy seiner Frau auf einer ganz bestimmten Höhre ruhig hält. So sind wir halt vergebens rausgedüst.

Bei einem Kaffee unterhalten wir uns mit Don Mauro über das Bewässerungssystem. Er ist überzeugt von der Wirkung. Sieht den Bäumen an, dass sie sich besser entwickeln konnten, und wird auch nächstes Jahr wieder installieren. Interessant für uns, denn so können wir die gleiche Parzelle auch im nächsten Jahr beobachten: Die Triebe die der Baum im vergangenen Jahr bilden konnte werden über den Ertrag in diesem Jahr entscheiden.

Der Töff störte sich nicht gross am Regen, und so machten wir uns auf den Rückweg. Mein Problem: Um 16 Uhr hatte ich noch zu einer Sitzung abgemacht in Jinotega. Ich schlängelte mich also um die Löcher zurück in die Zivilisation (wie man in der Schweiz sagen würde). Dank Busverbindungen in die hintersten Winkel des Landes und einer reichhaltigen Natur ist es hier vielen Menschen möglich, mit ganz wenig Geld auf dem Land zu leben. Die Buse sind meist auf dem Dach beladen mit Waren. Teilweise wird auch die Kaffeeernte so in die Stadt gebracht. Die meisten Menschen haben kein Auto, viele auch keinen Töff. Und für einmal hätte ich ganz gerne meinen Töff gegen den Bus ausgetauscht.

Natürlich war ich im Motorrad viel schneller. In Jinotega fuhr ich also als Erstes auf den Markt und kaufte mir Gummistiefel. Mit diesen nassen und dreckigen Schuhen konnte ich ja nicht zur Sitzung erscheinen:

Und so erschien ich dann in Stiefeln bei Soppexca. Eine Kooperative von kleinen Kaffeeproduzenten, welche ebenfalls 7 Bewässerungssysteme gekauft hat. Ich unterhielt mich mit einem Berater und dem Koordinator der Berater über das laufende Jahr. Sie sind ebenfalls von der positiven Wirkung auf die Pflanzen überzeugt. Die Hauptschwierigkeit ist aber die Verfügbarkeit von ausreichend Wasser. Oft ist die hofeigene Wasserquelle unterhalb der Kaffeeparzelle, dann muss mit einer Pumpe gearbeitet werden, oder die Wasserquelle trocknet im Sommer aus. Auch dies eine wichtige Information für uns.

Ich schwinge mich also wieder auf’s Motorrad und fahre über den Pass zurück nach Matagalpa. Diesmal in Gummistiefeln. Wesentlich angenehmer für den Moment. Doch die nächsten drei Tage werde ich sie nicht mehr los und damit sowohl Kaffee ernten, Protokolle schreiben, Ping Pong spielen und Mittagessen. Bis endlich meine Schuhe wieder trocken sind. Merke: Es kann auch im Sommer regnen!

Wer etwas über unser Tröpfchenbewäseerungssystem wissen möchte, findet hier ein paar Informationen: Tröpfchenbewässerung

Streetparade in Matagalpa

Es ist Dienstag Abend um 9 Uhr. Ich sitze im Café Artesanía und habe soeben gegessen. Musik, ein Agua de Tamarindo und kurze Hosen. Vorher hat es kurz geregnet und etwas abekühlt – wie angenehm! Fast wie Ferien. Und wenn ihr den nächsten Bericht und die Bilder anschaut, werdet ihr euch sicher den Rest denken!

Aber ich bin wirklich hart am arbeiten. Ehrlich. Urs ist zu Besuch und wir bereiten das Monitoring vor für die nächste Kaffeesaison. Am Freitag muss alles stehen. Und die Natur macht vorwärts. Die Bäume rufen schon nach Wasser. Der trockene und heisse Sommer steht vor der Tür.

Doch weil es nicht so spannend ist, wenn ich Bilder von Urs und mir vor dem Computer s(chw)itzend aufs Netz lade, hier noch ein Blick auf das vergangene Wochenende: El Hippico de Matagalpa. Das heisst übersetzt so viel wie: Wenn Pferde und Frauen tanzen. Oder die etwas andere Streetparade.

Dressurreiten hat eine grosse Tradition im Land. Und zweimal im Jahr werden die Künste in einer grossen Parade durch die Hauptstrassen der Stadt vorgeführt. Ich habe ein traditionelles und ruhiges Fest erwartet. Am Samstag um 2 soll es losgehen, hiess es. Doch es sollte anders kommen. Natürlich hat erst mal alles etwas später begonnen als angekündigt (etwa 2 Stunden), doch dann: Musik aus Festzelten, die Strassen voll mit Zuschauern jeden Alters und Pferde, Pferde, Pferde.

Von der hohen Schule der Pferdedressur verstehe ich leider nicht viel. Für mich sah alles ähnlich aus: Nervöses Pferdegetrippel. Und vor allem taten mir die armen Tiere leid. Der ganze Umzug dauerte sicher etwa 3 Stunden! Einige waren offenbar nur mit spitzen Sporen zu kontrollieren. Und so war bis zum Ende der eine oder andere Pferdebauch mit Blut befleckt. (Die Guggenmusiken und Lastwagen mit lauter Musik und tanzenden Girls habe ich noch gar nicht erwähnt.)

Wir konzentrierten uns also auf die schönen Frauen die (artgerecht?) auf dem Tresen tanzten und genossen das kühle Getränk welches hier angepriesen und verkauft wurde. Alles in allem also doch ein gelungenes Fest…

BYE BYE BEER

Mehr und grössere Bilder unter folgendem Link:

Nicaragua_Hippico